Geschrieben von ocame am 31. März 2012 um 13:31 Uhr

Mit einem breiten Grinsen auf den Lippen begrüßt Jeff Gerstmann die Sekretärin der „Gamespot-Redaktion“, da lohnt sich ein zweiter Blick, der neue Fetzen von Kleid unterstreich perfekt die wohl modellierten Rundungen ihres Podex. Das schwarze Bohnenwasser verteilt dem letzten schlaftrunkenen Gedanken Hausverbot. Jeff is ready for Business! Besucher würden sein Büro als Merchandise Friedhof bezeichnen, eine muskulöse Halo Figur macht sofort klar, wer der „Chief“ ist, ein paar Blicke weiter findet man nichts außer, Poster, grün sabbernden Orc´s und heißen Final Fantasy Schnitten. Jeff liebt seinen Job, er liebt es mit seiner scharfen Zunge Spiele zu zerschneiden, das Filet vom Formfleisch zu trennen, damit den Gaumenfreunden kein geschmackliches Desaster auf den Tisch kommt.

Auf seinem Tisch liegt ein Brief vom Big Boss, nichts Neues. Wahrscheinlich ein paar bitter böse Gedanken zu seinem letzten Test. Ohhh ja! Das war ein Filet von Gammelfleisch! Wie genüsslich er das sehnige Stück Software erst mit dem Hammer zu einer unförmigen Masse zermürbte, nicht das vorher besser ausgesehen hätte, und dann durch den Fleischwolf jagte, damit auch jeder sieht was Kane & Lynch ist, mittelmäßiger Einheitsbrei!

Die nächsten Sekunden in Jeff´s Leben müssen genauso angenehm sein, wie wenn man eine Banane gerade biegt, einer Erdbeere die Sommersprossen klaut oder dem Winde ne rote Ampel vor die Nase knallt, sprich ziemlich beschissen. Die winzigen Wörter vom Boss, waren für Jeff der größte Tritt ins Gesäß den man sich vorstellen kann, er wurde gefeuert, weil er seine Arbeit gemacht hatte. Moment! Genau, Jeff speiste damals das Duo Kane & Lynch mit einer 60er Wertung ab. Blöd nur das Eidos, der Publisher von Kane & Lynch, just in diesem Zeitraum Gamespot.com, zum oben genannten Spiel, mit lukrativen Web-Plakaten voll gekleistert hatte.

Der Spiele-Journalismus ist eine verdrehte Sache. Ein wild wucherndes Biotop, das seinen Gärtner ausgeliefert ist, Gärtnern wie EA, Blizzard, Activision oder Rockstar Games. Sie entscheiden welches Format als Unkraut verrottet oder farbenfroh blühend mit der Sonne liebäugelt. Das Problem ist das Mutter Natur eine etwas andere Auffassung von Journalismus hat. Das Ziel sollte zu jeder Zeit sein den Konsumenten sachlich, kritisch und unabhängig über einen Sachverhalt zu informieren.

Solche Tugenden werden vor dem Viertel, indem sich die Journalisten tummeln, wie Hunde vor dem Supermarkt angebunden. In diesem Viertel überflutet rotes Licht die Straßen, es stinkt, der Morast ist nicht nur der beste Freund der Sohle, sondern verklebt, beschmutzt und begleitet jeden Handgriff. Informationen werden wie Prostituierten, von den dicken Zuhältern, auf die Straße geschickt.

Mittendrin ein junger Schreiberling. Der Kopf gestützt durch die Tugenden die ihn antreiben, die Brust gefüllt mit Werten die ihm am Herzen liegen. Mitleidig blicken aschfahle, von der Glut der Zigaretten erhellte Gesichter ihm nach. Ihr Haltung ist geduckt, zu schwer ist die Last, ihre Augen trübe, vom Nebel der ihre Gedanken lähmt, schon lange haben sie ihren Leuchtturm verloren, der sie leitete in den sicheren Hafen.

Da kommt die Erste, das lange Kastanienbraune Haar kitzelt seine Wangen, die eisgrauen Augen fesseln ihn, lähmen ihn. Mit einem süßen Akzent, haucht sie in sein Ohr. „ Eine Nacht mit mir und du hast eine Story, die der Höhepunkt deines Schaffens sein wird, wenn du eine klitzekleine, fast erwähnungs unwürdige, ja eine Nichtigkeit für mich erledigst. Call of Mutti schneidet bei dir mit 90 Öcken ab, kapiert?!”


Wirre Gedanken eines Brille tragenden Kolumnisten? Leider nicht. Das ist der verwirrende Alltag in dem Metier der Journalisten.

Wie können wir den Wollknäuel entwirren,indem sich Fachleute und Konsumenten verstrickt haben, wollen wir das überhaupt? Warum brauchen wir einen Test am Release-Tag, warum jagen wir zahnlosen Exklusiv-Storys hinter her, wie können wir Photoshop gedopte Screenshots anhimmeln?

Wie können wir erwarten das eine Branche für uns schreibt, wenn wir ihr die Luft zum atmen nehmen?

„Mehr Geist bitte, liebe Games-Tester!“ Damit eröffnete Christian Schmidt, selbst 13 Jahre lang Spiele-Journalist, unter anderem Chefredakteur der Gamestar, seinen Artikel auf SpiegelOnline, der zum blutigen Schafott avancierte, auf dem er mit dem Spiele-Journalismus abrechnete. Wer wissen möchte wie der Artikel bei Kollegen von Schmidt ankam, dem sei der Beitrag von Michael Schnelle ans Herz gelegt.

Welche Rolle nehmen wir in dem Schauprozess ein, gebeuteltes Opfer oder geistloser Richter?

Eins ist sicher, die Branche hat es nicht einfach, es wird aber kein Sandalen Fetischist mit Zottelfrisur und seinen 12 Homies in die Redaktionen platzen, um den Laden wieder auf Vordermann zu bringen. Der Karren steckt im Dreck, aber er hat immer noch Räder die sich drehen können, also spuckt in die Hände und lasst uns den Karren wieder auf die Sieger Straße stellen!

Kommentare (12)
  1. Endlich eine weitere Perle aus dem Hause Wienchi. Da ich weiß, dass bei dir Kritik willkommen ist, möchte ich sie auch gerne loswerden. Wie beinahe immer muss man auf hohem Niveau meckern:
    Deine unfassbaren stilistischen Fähigkeiten machen dich in meinen Augen zu einem der besten Autoren, das Problem in dieser Kolumne sehe ich aber genau in ihnen. Die poetischen, farbenfrohen Expressionen überschlagen sich hier so sehr, sind so hochkonzentriert vorhanden, dass sie leider die Botschaft verschleiern und beim Lesen einen Dämpfer verpassen. Das Thema hat für mich durchaus eine Riesenbrisanz: ich vertraue Spieletests, oder zumindest Dingen wie dem Metascore u.Ä. großen, daher sind solche Abläufe, wie du sie schilderst, teils skandalös. Das, finde ich, muss bei dir deutlicher rauskommen. Weniger ist da manchmal mehr. Hier muss die Information leider teilweise dem Stilismus weichen, was ich schade finde.
    Dennoch wieder eine klasse Kolumne, danke dafür ;-)

  2. Ein großes Lob erstmal vorab.
    Ich finde es ist auch ein großes Problem, wie einige Spiele bewertet werden. Große Namen wie “Call of Duty” oder auch “Battlefield” immer gute Kritiken erhalten, auch wenn sich in hinblick auf den Vorgänger nur wenig verändert hat (damit will ich darauf hinweise, dass die “kleinen” es meist schwerer haben als die “alten Hasen”, dass ist aber nicht nur bei Videospielen so).
    Auch die Sache, dass ständig nach Innovationen gefordert wird ist hirnrissig. Es wird immer schwerer auf neue Ideen zu kommen, wenn es nach und nach schon alles gibt. Der “Einheitsbrei” wird zur Kenntnis genommen, aber erhält trozdem noch gute bis mittelmäßige Kritiken. Spiele die jedoch Neues versuchen, was der Masse nicht passt oder einfach “in die Hose” gegangen ist, werden gnadenlos runtergemacht, was dazu führt, dass viele auf “das Alte” vertrauen, da es sich bewehrt hat.
    Zum Abschluss noch ein riesen Lob für deine stillistische Ausdrucksweise, die deine Kritik eigentlich sehr gut wiederspiegelt. An einigen Stellen ist es jedoch etwas zu viel des guten, so wie Bad Compagnon bereits sagte. Weniger ist manchmal mehr. :)

  3. Danke für die ausführliche Kritik, Compagnon! Es freut mich immer wenn meine Artikel aufmerksam gelesen werden! :) Es ist nicht immer einfach das Gleichgewicht zwischen, sachlicher Berichterstattung und kreativem Wörter Fasching, zu finden.
    Ein Problem ist auch das man immer schriller werden möchte, die Leute sollen unterhalten werden, sich an rasend schnellen Wortspielen verschlucken, mit Personifikationen ein Teil des Textes werden.

    Umso mehr freut es mich, wenn ein paar User die Handbremse ziehen, bevor man in den Graben schlidert. Ich werde versuchen die nächste Kolumne sachlicher zu formulieren, auch wenn das bedeutet das die, an der ich gerade schreibe, dann wohl oder übel komplett in den virtuell Müllheimer wandert :D

  4. Dieser Karren hat sich schon seit mehr als 15 Jahren nicht mehr vom Fleck bewegt, und wird es sicherlich auch nicht so schnell tuen. Denn was haben die Gärtner davon, wenn sie die verwucherten Räder wieder frei schneiden? Schon bei dem PC game [url=http://de.wikipedia.org/wiki/Mag!!!]MAG!!![/url] konnte man die Wertung nach Wunsch und Exklusivität verändern, wenn es den entsprechenden Grund dafür gab. Das es in der Realität gang und gebe ist, sollte eigentlich jedem bewusst sein. Wir reden hier schliesslich von einer Werbeplatform der game-Industrie. Die leider auf die Blauäugigkeit der Kunden setzt, wenn diese den Metascore betrachten.

    Im Grunde nicht wirklich was neues, nur das es jetzt etwas mehr ins Licht gerückt ist. Doch was passiert wenn der Karren doch noch ausm Dreck kommt? Wo wird die manipulative Ader der Publisher diese hinführen? Wenn ich zB EA betrachte, so schrecken diese schon heute nicht mehr davor zurück, den PSN Store für Ihre Wünsche zu missbrauchen. Angefangen bei der Mass Effect 3 Demo, die laut Sony nie und niemer im DE Store auftauchen dürfte, und das noch am release Tag und dazu noch mit einem USK12 Logo. Bis hin zu bundles die teuerer sind als die enhaltenen einzelnen DLC’s, zusammen. Wie gesagt, nur als Beispiel.

    Mir persönlich ist eine harmlose Wertung (nicht-Publisher Sicht..), die ich sehr grob aus dem Augenwinkel betrachte, lieber, als eine weitere “wenig investieren – mehr abkassieren” Methode, die noch derber am Spielspass nagt..

    Achja.. Gut geschrieben, mit einem, zwei abschweifenden Absätzen zu viel.

  5. Ich finde du übertreibst etwas, beziehungsweise siehst das sehr schwarz. Und von wo holst du deine Infos/Inspiration, nur durch den Artikel, oder hast du selber Erfahrung mit dem Thema?

  6. Hui ein hoch interessanter Artikel der sehr gute geschrieben ist und auch sehr interessante Verweise mit sich führt.
    Für mich ist es besonders interessant weil ich mich zum Teil als Konsument sehe zum Teil aber auch als Spieltester.
    Dabei kann ich aber nicht halbwegs so gut mit Worten umgehen wie irgendeiner der im Artikel genannten Personen und fülle die Position des Laien wohl mehr als nur gut aus. Nur mein Vorteil ist es dass Spiel zu testen wirklich ein Hobby von mir ist und ich damit kein Geld zu verdienen versuche ohne dass irgendeine Lobby mir im Nacken sitzt.

    Wenn man in Betracht zieht dass man mit der Branche des Spiele Testens konkurriert dann nehme ich viel unterschiedliche Qualitäten wahr. Vor allem bei populären Titeln findet man alles: Vom lyrischen Meisterwerk bis hin zum oberflächlichen Checklistenbericht die dem jeweiligen Spiel nicht gerecht wird. Vor allem bei exotischen Titeln wie in meinem Fall den japanischen Rollenspielen habe ich mir sehr oft diese Auswahl gewünscht. Ich brauche keine 300 Tests zu Modern Warfare 3 aber ein Test von Hyperdimension Neptunia der auch mal auf die Spielmechanik eingeht hätte vollkommen gereicht. jpgames.de macht zum Beispiel einen sehr guten Test während eurogamer einem erklären will was MOE ist…

    Mein Test dazu ist seit letzter Woche ja auch online was alles nur nicht aktuell nach Release ist. So gerne ich mir das auch wünsche, ist es nicht das Ziel. Ich denke ein Test von jemanden der das jeweilige Game auch mal durchgezockt hat ist dennoch eine ganz gute Alternative :)

    Ob ich mich dabei zuviel an den Hardcore-Gamer richte weil ich mit zuvielen Details um mich schlage oder der Test zu casual ist weiss ich nicht. Zumindest versuche ich die Gradwanderung davon werde aber niemals so überzeugend sein wie ein professioneller Redakteur wenn es darum geht zu erklären wieso Hyperdimension Neptunia so witzig sein kann. Im Endeffekt bleibt es also nur ein Hobby und ich hoffe dass wenigstens ein paar soviel Spass am lesen haben wie ich am schreiben :)

  7. Vielleicht übertreibe ich, aber wenn ich die Kommentare hier lese habe ich genau das erreicht was ich wollte. Ich möchte das man aufschreckt, die Augen aufmacht und sich mit dem Thema auseinandersetzt.

    Dennoch möchte ich meine persönliche Meinung erläutern, damit mein Standpunkt etwas klarer zu erkennen ist.
    Schau dir doch mal die Redaktionen an. Ein kleiner Teil besteht aus fest angestellten, gut ausgebildeten Redakteuren. Der andere, meist immens größere, besteht aus freischaffenden Journalisten, die natürlich auch ihr Handwerk verstehen, aber ein deutlich geringeres Gehalt einstreichen. Zum Schluss sind noch die Praktikanten, die oft dieselbe Arbeit wie ein Redakteur erledigen dürfen/müssen und dabei oft keinen Cent zu Gesicht bekommen. Aber hey, Wohnungen in München und Hamburg werden dir für Spottpreise nach geschmissen.

    Das man diesen Praktikanten, die sich bereits ein halbes Jahr lang den Arsch aufgerissen haben, keine vernünftige Stelle in Aussicht stellt, ja nicht einmal die Möglichkeit einer vernünftigen Ausbildung, ist eigentlich kein Problem, schließlich warten hunderte höchst motivierte Wortjongleure vor den Redaktionsbüros auf ihren Einlass, in die ach so heiligen Hallen.
    Und wenn dann ein ehemaliger Chefredakteur meint, seine gesamte Zunft auf einen Haufen fehlgeleitete, unfähige Schreiberlinge zu degradieren und ganz nebenbei, seine Leser, die ihm den Arbeitsplatz gesichert haben, als ein Nischenvolk ab zu stempeln, dann, ja dann bin ich persönlich sauer.

    Denn er hatte es in der Hand „wo [sich] dich über Jahre hinweg für Änderungen [hätte] einsetzen können“ (Mick Schnelle; „Lieber Christian Schmidt“) und es eben nicht getan hat, leider. Und das ist leider auch kein Einzelfall.

    Dann ist es nicht verwunderlich, wenn einige alt eingesessene Journalisten die Lichter in ihren Büros ausknipsen und leider für ihre Zukunft, in diesem Metier, schwarz sehen.

  8. Ich persönlich wusste von all diesen Missständen eigentlich nichts, beziehungsweise nicht viel und ich denke, dass geht den meisten Spielern so.
    Der Aufbau der Spielzeitschrift scheint ja leider ähnlich den normaler Zeitschriften, die “guten”, alten und teure Journalisten werden gefeuert und die neuen müssen für einen Bruchteil des Geldes arbeiten.

    Und das mit den Praktikanten ist ja leider allgemein eine Frechheit, die ältere Generation hatte es da noch gut, aber wir Jungen müssen wirklich gegen diesen Praktikawahnsinn kämpfen. Ich kenne 30 jährige, die ein fertiges Studium haben und trotzdem noch immer keine Fixeinstellung haben. Naja passt nicht ganz zum Thema.

    Die Lage scheint doch schlimmer zu sein als ich dachte.