Geschrieben von ocame am 23. Juni 2012 um 10:30 Uhr

Wir kämpfen uns durch die wildesten Dschungel dieser Erde, in T-Shirt und Jeans. Wir klettern Wände empor während wir Rüstungen, Waffen und haufenweise Kleinkram mit uns herumschleppen. Wir formen mit unseren Patschehändchen Feuerbälle und zum Entsetzen jedes CSU-Politikers, schicken wir mit unserem Waffenarsenal, das selbst George W. Bush hätte blass werden lassen, allerlei Gesocks in die ewigen Jagdgründe. Warum tun wir das? Weil wir es können. Leider ist hier nicht vom echten Leben die Rede, zumindest nicht von meinem. Ich weiß nicht wie es bei euch aussieht, aber ich klettere generell nicht mit voller Montur. Nur das Nötigste.

Nein, gemeint ist unser aller Lieblingshobby. Nur wenige Tasten und ein Griff ins Regal entfernt, warten sie zu Hause auf uns. Illusionen sind es, in denen alles möglich scheint. Illusionen sind es, die uns Tag für Tag an den Controller ketten. Oftmals leider cooler als unser eigenes Leben, lassen sie zu, dass wir über uns hinauswachsen. Was sich so schön anhört, ist, in den meisten Fällen zumindest, das Produkt harter Arbeit, einiger oftmals unbekannter Menschen wie du und ich. Mit viel Mühe formen sie eine Realität, in der sich jeder mittendrin, statt nur dabei fühlen darf. Man möge mich dafür steinigen. Politische Menschen in unförmigen Körpern, gepresst in zu kleine Anzüge, würden jetzt gerne zu ihren Waffen greifen. Aber ich erwische mich zu oft, mit weit offen stehendem Mund und vor dem Fernseher sitzend, gebannt auf die Mattscheibe glotzend, mit einem bewundernden Kopfnicken wieder.

So oft bin ich begeistert davon, was Entwickler heutzutage auf die Beine stellen. Ich bin Rockstar-Fan, genauer gesagt Fan der Grand-Theft-Auto-Reihe, das gebe ich gern zu und zwar aus einem ganz simplen Grund: Hier gaukelt man mir vor, ALLES würde in ein und demselben Universum geschehen. Dies tut Rockstar nicht etwa mit der Holzhammermethode, sondern mit einzigartigem Geschick. Aufmerksam wie ich nun mal bin, stehen mir daher jedes Mal die Nackenhaare zu Berge. Hand aufs Herz, was glaubt ihr, wieviel Fan-Mail wird Rockstar nach GTA Vice City bekommen haben mit der Bitte, Tommy Vercetti nicht verschwinden zu lassen? Wieviel Post ist nach San Andreas wohl dazu gekommen mit der Bitte, den lässigsten aller grün gekleideten Vorstadt-Gangster, Mr. Carl Johnson, nicht in der Versenkung verschwinden zu lassen? Hat Rockstar unser Bitten erhört? Ja und nein. Wir warten alle gespannt auf das Release von GTA V,  drücken insgeheim die Daumen und hoffen auf ein Wiedersehen mit den »Grove-Street O.G’s«. Doch in der Zwischenzeit durften wir uns über diverse Cameo-Auftritte in GTA-SA, GTA 4, TBOGT und TLAD freuen. Wer hat sich über Ken Rosenberg gefreut, als er, leicht in die Jahre gekommen, in Las Venturas aufgetaucht ist? Wer hat in der Wüste von San Andreas die beiden durchgeschepperten Drogenopfer als das Managerduo von Vice-City’s Rockkapelle Nr. 1, »Love Fist«, identifiziert? Wer hat im Vorspann von TBOGT den SVU an der Ampel und dessen Besatzung, bestehend aus serbischen und irischen Mitbürgern, entdeckt? Wer hat den Radiospot gehört, in dessen Anschluss Mr. Luis Lopez ganz offen seine Bewunderung für „those were some serious motherfuckers“ bekundet, nachdem Fernando Martinez über DEN Bankraub berichtet?

Wenn Fäden einzelner Geschichten so geschickt zusammengewebt werden und mir auf so effiziente Art vorgaukeln, ich wäre Teil dieses Universums, dann ist das Applaus wert. Dann bitte ich darum, dass Crossover-Elemente wie diese, fester Bestandteil in Videospielen werden. Es scheint ja zu gehen, ich würde mir nur wünschen, dass nicht immer die bare Münze, sondern der künstlerische Freiraum der Motor wäre, der dieses Ding vorantreibt.

Dürfen Videospiele denn überhaupt als Kunst gelten? Das fragt Juristen-Deutschland ja besonders gerne. Ich bin mal so frei und antworte: „Ja“, ganz einfach. Da sind Roger Ebert und ich uns wahrscheinlich nicht einig, aber wenigstens weiß ich, wovon ich rede. Und nur «weil ein Videospiel ein industriell gefertigtes Produkt ist«, gibt mir das nicht die Erlaubnis, das Engagement und den künstlerischen Anspruch der Entwickler in Frage zu stellen, oder?

Kommentare (4)
  1. Die Kolumne is sehr gut. Zukünftig bitte mehr davon. :)

    Ich finde , dass es schon Games gibt , die man als Kunst bezeichnen kann. Eindeutige Beispiele: FLOWER , JOURNEY
    Das traurige is , dass so viele Leute Games keine Chance geben und deswegen können die Games nicht voll und ganz auf diese Personen wirken. :(

  2. “schicken wir mit unserem Waffenarsenal, das selbst George W. Bush hätte blass werden lassen, allerlei Gesocks in die ewigen Jagdgründe. [...] Leider ist hier nicht vom echten Leben die Rede”

    Sorry aber bei sowas könnte ich kotzen. Das lass ich auch nicht als Sarkasmus oder Ironie durchgehen.
    Im Gegensatz zu den Spielen an sich entsetzen solche Formulierungen nicht nur CSU Politiker.